Menschen am Abgrund VI – Kampf

Ich wünsche euch einen guten Abend, meine Leser. Heute gibt es einen neuen Abgrund, der in gewisser Maßen schon ein wenig aktuell ist, wenn man mal öfters in die Zeitung schaut.
Wünsche angenehme Nächte…

Stolz betrachtet er die Wunden an seinen Unterarmen.
Für ihn waren es Abzeichen, fleischliche Orden, welche er sich im Kampf gegen das System, die Allgemeinheit, die Menschen verdient hatte. Sie in seine weiße Haut zu schneiden, war ein Ausdruck seiner unerwarteten Überlegenheit gegenüber dem Rest der kläglichen Welt.
Mochten sie für Außenstehende wie der Ausdruck psychischer Instabilität wirken, so waren sie für ihn ein Zeichen, dass es neben der Ungerechtigkeit seines Lebens auch Zeiten gab, in denen sich Dinge zum Guten neigen konnten.
So ein Moment war nun gekommen.
All die bisherigen Fehler, falschen Freunde und tränenerfüllte Tage hatte er hinter sich gelassen. Der Hass, welchen er auf seine Umwelt empfand, war süß und er genoss einen weiteren Augenblick seiner scheinbaren Omnipotenz.
Sie alle hielten ihn für minderwertig, selbst sein erbärmlicher Vater, der den Kater bereits morgens mit Hochprozentigem bekämpfte.
Er brachte sich eine letzte Wunde bei, bohrte das Küchenmesser tief in sein Fleisch. Mit Tränen in den Augen ließ er das Messer fallen, sein Kopf sackte nach vorn und stieß gegen die Holztür.
„Herein?!“ erklang es fragend von der anderen Seite.
Er lachte, griff zitternd nach der Waffe zu seinen Füßen und riss die Tür auf.
Ein letztes Mal sah er das erstaunte Gesicht des Lehrers, die überraschten Mienen seiner Mitschüler. Dann dröhnte der Abzug der Waffe in seinen Ohren, übertönte das Wimmern der Verängstigten.
Und zum ersten und letzten Mal, freute er sich ihre Gesichter zu sehen.

Veröffentlicht in: on November 27, 2007 at 7:41 Kommentare (1)

Menschen am Abgrund V – Glanz

Heute präsentiere ich euch einen neuen Abgrund. Jedoch verweise ich noch einmal ausdrücklich auf den Hintergrund der Abgründe. Ich will hier weder jemanden zu ihrgendwelchen Straftaten verleiten, noch diese verherrlichen.
Ansonsten bleibt mir nur noch, euch Spass beim Lesen zu wünschen.

Sie glich der Liebesgöttin Aphrodite selbst, doch auch die erschien mir im Vergleich zu ihr lediglich durchschnittlich.
Ihre goldenen Locken wogten im kühlen Herbstwind und rahmten die makellose Haut ihres Gesichtes ein. Welcher Maler hätte sich nicht um ein solches Model gerissen? Nichts, nicht einmal die kleinste Unebenheit der Haut oder etwa eine Unförmigkeit der Nase vermochten dieses Antlitz vollendeter Schönheit zu beeinträchtigen.
Sie trug ein hellblaues Kleid, dessen weiße Schleifen und Bordüren an die Zeit des Rokoko angelehnt waren. Zweifelsohne hatte sie Stil, ganz gleich, wer sie eingekleidet hatte.
Ihre Bewegungen waren flink und doch geschmeidig; ihr Lachen war das einer Nymphe, wenn sie sich die Zeit mit ihren Gespielinnen vertrieb.
Ihre Umgebung bewunderte sie dafür.
Ich bewunderte sie, auch wenn es mir bisher nie eingefallen war, sie anzusprechen.
Sie wusste um meine Anwesenheit, dafür hatte ich gesorgt.
Und dann und wann, wenn unsere Blicke sich trafen – meiner und ihrer voller Sehnsucht – festige sich in mir der Entschluss.
Sie musste dasselbe empfinden, ihr Begehren musste das meinige sein. Warum sonst forderte sie mich manches Mal aus weiter Entfernung mit ihrer Stimme heraus und neckte mich mit einem Augenschlag.
Mittlerweile wusste ich, wann sie kam. Ich wusste, wie lang sie blieb und ich wusste auch wer sie zurückgeleitete.
Alles war geplant. Bis ins kleinste Detail hatte ich mein Vorhaben ausgearbeitet: Ich wusste, wann ich mich ihr nähern durfte, mit welchen Worten ich ihr Vertrauen gewinnen und sie zum mitgehen bewegen konnte.
Sie mochte so gerne Lakritz.
Ich warf einen letzten Blick durch das Fernglas. Gerade hatte ihre Mutter den Spielplatz verlassen, um der Kleinen ein Eis zu kaufen – das tat sie jeden Mittwoch.
Als sie hinter einer Hausecke verschwunden war, öffnete ich langsam die Tür meines Wagens. Ein letztes Mal atmete ich tief durch, stieg dann aus und schlenderte auf die Schaukel zu.

 

 

Veröffentlicht in: on Oktober 29, 2007 at 7:25 Kommentare (1)

Menschen am Abgrund IV – Schande

Heute folgt eine neue Episode der Menschen am Abgrund. Ich bin gespannt wie sie euch gefällt, mir persönlich sagt sie noch nicht vollends zu:

Die Großstadt hatte ihren Glanz verloren.
Allein stand sie am Fenster. Sie hielt eine Malboro in der Linken und beobachtete die hinter dem Häusermeer untergehende Sonne.
Damals, als sie hierher gekommen war, hatten die Lichter der Stadt sie willkommen geheißen, Plakate und Schaufenster hatten ihr eine aufregende Zukunft prophezeit und der kleine Park am Ende der Straße Erholung und Nachmittage voller Inspiration versprochen.
Ihre 3-Zimmer-Mietwohnung war viel zu klein und an der Tapete hinter dem Schrank kam bereits der erste Schimmel zum Vorschein. Doch das hatte sie in ihrem jugendlichen Leichtsinn nicht aufgehalten. Für sie war es der Himmel auf Erden gewesen.
Nun dachte sie verbittert an jenen Tag zurück, sinnierte wie jeden Abend um diese Zeit darüber, was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie zu ihren Eltern zurückgekehrt wäre.
Das war nun nicht mehr möglich, zuviel war in zu kurzer Zeit passiert.
Was in den ersten Tagen wie ein Idyll gewirkt hatte, war mit zunehmender Gewohnheit zu einem Alptraum herangewachsen. Schnell brachte sie der neue Job als Sekretärin an ihre Grenzen und ehe sie sich versah saß sie arbeitslos auf der Straße.
Sie suchte verzweifelt nach Arbeit und hielt sich kurze Zeit mit ihrem Ersparten über Wasser.
In diesen Tagen lernte sie auch Charlie kennen. Er war es gewesen, er hatte sie an den die Klippe herangeführt, welche ihr kurze Zeit später zum Verhängnis geworden war. Aber hatte sie eine andere Wahl gehabt?
Sie hatte Charlie von ihrer Geldnot erzählt und er hatte ihr ein – seiner Auffassung nach – großzügiges Angebot gemacht. Jetzt lachte sie darüber, aber es war ein trauriges, selbstmitleidiges Lachen. Ihre Einfältigkeit war groß gewesen, aber die Männer, welche Charlie in seinem Lokal empfing hatten ihr die Naivität schnell ausgetrieben. Sie war gefallen.
Hinter ihr schlug jemand gegen die Tür. Sie reagierte nicht, auch wenn sie wusste, dass sie damit nur Ärger provozierte. Diese post cohabitationen Momente waren das Letzte, was ihre gepeinigte Seele besaß.
Alles andere gehörte den Männern, deren Namen sie nicht kannte.

Veröffentlicht in: on Oktober 8, 2007 at 3:54 Kommentare (1)

Menschen am Abgrund III – Einsamkeit

Heute möchte ich euch mit einer neuen Episode in „Menschen am Abgrund“ beglücken. Sie unterscheidet sich ein wenig von den anderen, aber ich hoffe dennoch, dass sie gefällt.

Es ist kurz vor Mittag. Ein Mann sitzt auf einer Parkbank und liest Zeitung.
Die Bank ist alt; rote Farbe blättert langsam ab und sinkt in großen Stücken träge zu Boden. Sonnenstrahlen dringen durch die immer kahler werdenden Äste, die Luft riecht nach Zimt.
Es ist ein Szenario der Banalität. Niemand bemerkt den Mann, der in seiner einfachen Jeans und dem Wollkragenpullover auf der alten Parkbank sitz und seine Zeitung liest. Niemand sieht genauer hin; niemand erkennt die zitternden Hände, deren fahle Finger in einer Art apathischem Krampf die Seitenränder der Zeitung zerknüllen. Keiner sieht seine geröteten Augen, welche starr, die Ränder seiner Brille tangierend, über den Rand der Zeitung hinweg auf den asphaltierten Weg deuten.
Das rechte Handgelenk ziert eine goldene Uhr, ein Designerstück, wie unschwer zu erkennen wäre. Eine Uhr, wie sie Frauen ihren Ehemännern zu Weihnachten schenken. Die Zeiger stehen auf Fünf vor Zwölf.
Die Zeitung, welche der Mann mit stoischer Gleichgültigkeit vor sich hält, ist eine Ausgabe vom Vortag. Er hält sie verkehrt herum.
Was muss dieser Mann gesehen haben? Was hat ihn aus der Bahn seines Lebens geworfen, dass er nun hier im Park sitzt, während glückliche Familien in ihren Häusern die ersten Plätzchen backen?

Veröffentlicht in: on Oktober 3, 2007 at 9:45 Kommentare (1)

Menschen am Abgrund II – Der Feind

Wütend und gleichsam entsetzt starrte ich in das Gesicht. Nicht, dass ich dort keine menschlichen Züge erkannt hätte, doch die Fratze vor mir glich mehr dem erzürnten Antlitz eines wütenden Wilden als dem eines gesitteten Zivilisten. Seine Mimik war auf eine Abscheu erregende Art verzerrt, die linke Oberlippe zuckte leicht.
„Lügner!“ fuhr ich ihn an „Hör auf mir weiter deine Märchen aufzutischen!“
Mein Gegenüber wiederholte die Worte in einem spöttischen Ton. Er forderte mich heraus, wollte nur, dass ich zuschlug um so meine mangelnde Selbstdisziplin zu offenbaren. Er wollte
mich als den Schuldigen darstellen, wollte dass ich den Sündenbock für all die Taten spielte, die er zu verantworten hatte.
„Du hast mich zum letzten Mal benutzt. An dieser Stelle endet unsere Abmachung!“
Seine Reaktion darauf war ein Lachen. Buchstabe für Buchstabe wiederholte er meine Worte, und betone sie mit einem solchen Nachdruck, dass es mir schwer fiel die Beherrschung zu behalten. Auf diese Weise hatte er mich bisher immer aus der Reserve gelockt. Am Ende war ich immer der Verlierer gewesen und er hatte weiter gemacht.
„Diesmal nicht“ knurrte ich ihm entgegen.
„Diesmal nicht?“ Sein boshaftes Grinsen brannte sich in meine Augen. Ich wollte diesen Anblick nicht länger ertragen, ja, konnte es nicht weiter sehen. Er hatte mein Leben zerstört, hatte mir alles genommen. Sollte er sich doch auch den unnützen Rest; das Wrack nehmen, das von mir übrig geblieben war.
Ich schlug zu.
Ein lautes Klirren und sein Gesicht zerbrach in zahllose Scherben. Ein bohrender Schmerz loderte in meiner Hand auf und ich verzog das Gesicht.
Mit Tränen in den Augen wandte ich mich vom zerstörten Spiegel ab.

Veröffentlicht in: on September 26, 2007 at 5:37 Kommentare (2)