Der Brief

Diese Kurzgeschichte entstand während einer Geschichtsstunde im 10. Schuljahr. Es war unsere Aufgabe, einen Brief zu verfassen, den ein Jude zur NS-Zeit an einen Bekannten geschickt haben könnte.
Wie immer freue ich mich über Kritik.

Matan warf einen letzten Blick zur Straße, dann schob er sich durch den schmalen Spalt zwischen Rahmen und Tür. Langsam und darauf bedacht so leise wie möglich zu sein, schloss er sie hinter sich. Er wagte es nicht seiner Erleichterung durch ein Seufzen Ausdruck zu verleihen. Manchmal war es besser zu schweigen.
Es erschien ihm wie ein Wunder, dass er heute noch nicht mit den Männern der NSDAP aneinander geraten war und er wollte sein Glück nicht herausfordern.
Schweren Herzens schritt er durch das Zimmer. Das Leinenhemd klebte an seinem verschwitzen Oberkörper. Es war von dutzenden Flicken besetzt und einzig der Judenstern, welcher wie ein Leuchtfeuer auf Matans Brust erstrahlte, störte dieses Bild der Armut.
Er erlaubte es sich schwer auszuatmen und sank auf die schmutzigen Laken seines Bettes. Einen Moment lang verharrte er in dieser Lage und genoss die beruhigende Stille die ihn umgab. Dann holte er unter seinem Kissen einige zerknitterte Bögen Papier hervor. Er griff in seine Hosentasche und förderte die nahezu aufgebrauchten Überreste seines Bleistiftes zu Tage.
Matan warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster, dann begann er zu schreiben.

Lieber Gerhardt,
ich hoffe, dass dich dieser Brief trotz der Überwachung des Postamtes erreicht.
Wie geht es dir? Ich hoffe gut, bist du doch nicht so stark von den Ereignissen der letzten Jahre betroffen wie wir.
Anfangs lief alles noch gut; was machte es mir schon aus, Israel mit Vornamen zu heißen. Aber dabei allein ist es nicht lange geblieben. Damals sagten sie, uns stände es frei, Deutschland zu verlassen. Doch unsere Familie hoffte drauf, dass es sich bessern würde, und wir blieben hier. Wohin hätten wir auch gehen sollen, ist dies doch unsere Heimat.
Jetzt darf ich mich nirgends mehr blicken lassen. Man lässt mich nicht mehr ins Kino oder auf ein Konzert. Wenn ich in meinem Viertel unterwegs bin, – und das ist nicht gerade oft – muss ich aufpassen, nicht auf die Jungen der HJ zu treffen. So etwas endet meistens in einer Schlägerei. Und wer Schuld ist, steht von vorne herein fest. Ich natürlich, der Jude.
Meine Mutter redet nicht mehr viel, seit sie Vater festgenommen haben. Sie hat wohl Angst, dass die Staatsmänner ihre Drohung wahr machen, und auch sie und mich holen kommen.
Sie sitzt den ganzen Tag am Küchentisch, doch das Leuchten in ihren Augen ist dem des Davidsternes gewichen, der im Gegensatz zu dem Rest ihrer Kleidung nicht alt und verschmutzt ist.
Sie redet auch nicht mehr mit den anderen Juden aus unserem Viertel. Ich hingegen schon.
Die meiste Zeit verbringe ich bei unseren jüdischen Nachbarn, die bis vor kurzem noch ein Geschäft hatten, welches nun aber geschlossen wurde.
Ich würde all dem hier gerne ein Ende bereiten, doch es hält mich zuviel an diesem Ort, als dass ich ihn ohne weiteres verlassen könnte.
Du siehst, es ist nicht gerade toll hier, aber ich hoffe immer noch, dass es sich bessern wird.
Bis dahin, alles Gute

Dein Matan

Das Splittern von Glas ließ ihn aufschauen. Scherben bedeckten den Boden unter dem Fenster. Matan stand auf und wusste bereits, wen er auf der Straße erblicken würde.
“Hey Jude!” drang es zu ihm herein, “Komm heraus und spiel mit uns!”
Dort standen sie: Sechs kräftigt gebaute Jungen, deren beigefarbene Uniformen das Hakenkreuz zierte. Sie hielten Stöcke und Flaschen in ihren Händen.
Matan seufzte resigniert. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in seine Hosentasche und öffnete die Tür. Höhnischen Lachen klang ihm entgegen. “Na los! Komm schon!”
Sie drängten ihn förmlich aus dem Haus. Matan verließ die Wohnung und ging auf die Kinder zu. Ein erster Stein flog auf ihn zu und traf ihn am Bauch, doch er ließ sich nichts anmerken. Wenn er eines in diesen Straßen gelernt hatte, dann, dass man nie Schwäche zeigen durfte. Wahrscheinlich würden sie ihn heute weitestgehend verschonen. Sie würden ihn vielleicht verletzten und demütigen, aber weiter würden sie es nicht treiben. Zu mehr trauten sie sich nicht.
Zumindest noch nicht.
Die Jungen würden sich an ihm austoben und dann, wenn er mit blutenden Lippen auf dem Boden liegen und sie lachend davonrannten, dann würde er mit einem leichten Stöhnen aufstehen und den Brief zum Postamt bringen.
Und vielleicht würde er erneut über Flucht nachdenken…

Published in: on Oktober 18, 2007 at 12:02 nachmittags  Kommentare (1)  
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